"Ich konnte nicht üben, weil..." und wie Eltern damit umgehen können.

Um eine Sache vorweg klarzustellen: Viele meiner Musikerkollegen waren auch nicht jederzeit fleißig und strebsam. Auch wir haben Ausreden gebraucht! Und eine Lehrkraft, die es mit der nötigen Prise Gelassenheit genommen hat, aber es am Ende doch vermochte, uns zum Üben anzuspornen. Die Elternreaktion auf Übeverweigerung ist aber oft der Schlüssel zum Erfolg. (Tipps am Ende dieses Blog-Beitrags).

 

Durchhänger hat jeder! Und Kinder, die sich heute einem übervollen Schulstundenplan und einem häufig straffen Nachmittagsprogramm konfrontiert sehen, sollen diese Durchhänger sogar haben! Es ist wichtig Muße zu haben, zu relaxen oder zu "chillen", wie es jetzt so schön heißt. Das Wort Schule kommt eigentlich aus dem Griechischen "schole" und bedeutet "Muße, Arbeitsruhe, freie Zeit". Denn nur da kann echtes Interesse für etwas komplexes Neues entstehen!

 

Aber dieser Beitrag soll keine Kritik am Schulsystem werden. Denn jeder, ob Schüler, Lehrer oder Eltern, muss für sich selbst beurteilen, ob dieses Lernen in der Schule wirklich die ursprünglich erdachte Arbeitsruhe ist oder man sich wie eine Maschine fühlt, die mit Wissen vollgestopft auf den Arbeitsmarkt geworfen wird. Es wird so viele Antworten wie Menschen geben und ich finde: JEDER HAT RECHT!

 

Aber nun zu den schönsten Ausreden, auf die ich mich jede Woche freue, weil ich nämlich im Grunde ziemlich viel übrig habe für die Kinder, die nicht üben oder nur üben, wenn sie ihre Lust spüren. Das ist in meinen Augen eine sehr gesunde Eigenschaft, wenn man in sich selbst hineinspüren kann. Nur müssen wir den Kindern einen Weg zeigen, mit ihren Gefühlen umzugehen und Positives daraus zu ziehen. 

 

Neue und wirkungsvolle Motivationstipps für Eltern gibt es übrigens im Ratgeber "Jedes Kind ist musikalisch". Musizieren macht Spaß! Man muss es nur richtig angehen!



Die Eule und die Oma

PLING, eine WhatsApp Nachricht

12:46 Uhr Leni: "Hi. Ich muss heute einen Vortrag über Eulen schreiben!"

12:47 Uhr Ich: "Hi Leni. Viel Spass. Smiley. Daumen hoch. Bis später!"

12:48 Uhr Leni: "Und am Wochenende war meine Oma zu Besuch. Die wurde 70!"

12:29 Uhr Ich ahne bereits worauf Leni hinaus will: "Sag der Oma herzlichen Glückwunsch nachträglich von mir! Ich sehe sie dann beim nächsten Schülervorspiel, oder!?"

12:32 Uhr Leni: "Das wollte ich ja auch noch sagen. Oma ist bisschen geräuschempfindlich."

Drei Smileys zeigen mir die Zähne.

12.33 Uhr Ich: "Okay, sie ist entschuldigt fürs nächste Konzert." Zwinkersmiley.

12:35 Uhr Leni: "Deshalb hat Mama gesagt, ich darf am Wochenende nicht Klavier spielen. Und dann war da ja noch die doofe Eule. Und jetzt hab ich nicht geübt!" Rote Birne Smiley

12:26 Uhr Ich: "Liebe Leni, ich freue mich trotzdem auf unsere Stunde heute Nachmittag. Lass uns schöne Musik machen und die Zeit geniessen! Jetzt schreib mal deinen Vortrag und wir sehen uns später. LG deine Trompetenlehrerin!"


Eine Trompete hat Läuse

Es ist Mittwoch Nachmittag, Anfängerschüler Max (11) betritt den Unterrichtsraum und lässt sich in den Besuchersessel fallen. 

Max: "Ich glaube meine Trompete hat Läuse!"

Ich: Läuse?! Schock! Wer will sowas schon haben! "Äh, ja? Wie kommst du darauf?"

Max: "Immer wenn ich spiele, fangen meine Haare an zu jucken. Ich glaube es wird höchste Zeit, dass wir zusammen mal wieder mein Instrument putzen."

Ich: "Klar, können wir machen. Hattest du an einen bestimmen Termin gedacht?"

Max: "Heute! Auf jeden Fall heute! Wegen der Läuse!"

Ich: "Gut, ich habe ein Trompeten-Läuse-Badezusatz. Darin weiche ich jetzt dein Instrument ein und du darfst so lange auf meiner spielen, bis ich wieder da bin. In Ordnung?"

Max: "Aber bitte nicht hinter der Tür zuhören. Ich hab nämlich eigentlich nicht geübt!"

Ich: "Ich weiß... und ich habe nämlich eigentlich auch kein Trompeten-Läuse-Badezusatz!"

 


Gülle fahren...

Eine Zeitlang habe ich auf einer kleinen Insel unterrichtet. Die Eltern eines Kindes hatten einen Bauernhof. Wenn Lasse (9) mal den Mund aufmachte, hatte immer einen guten Spruch auf Lager. Ansonsten war er so norddeutsch wie es sich gehört: Kühl und still.

 

Lasse spielt ein Lied vor. 

Ich: "Schon ganz gut, Lasse! Besonders der Anfang war klasse. Am Schluss haben die Noten noch ein wenig Tango getanzt, da müssen wir nochmal ran."

Lasse, wird rot, blickt zu Boden: "Eigentlich hab ich nicht geübt."

Ich: "Hab ich jemals geschimpft? Komm, dein Stück ist am Anfang wirklich schon ganz gut. Sollen wir den Schluss auch noch ein wenig feilen? Oder gefällt es dir nicht?"

Lasse: "Och... das ist nur so... es hat geregnet."

Ich, denke: Es hat geregnet? Nichts Ungewöhnliches im Norden. Was will er mit damit nur sagen?

Lasse: "Ja... und wenn das regnet... ne... dann... öh... is mein Vadder zu Hause."

Ich komme jetzt nicht ganz hinterher und sage lieber mal gar nichts.

Lasse: "Wenn es regnet kann er nämlich keine Gülle schütten... und dann bauen wir zusammen Lego!"

Ich: "Lasse, ich finde es toll wenn es regnet und dein Vater mit dir spielt! Das ist ein guter Grund, auch mal nicht so fleißig zu sein."



Bloß nicht ins Schulorchester!

Svenja (13) ist wirklich talentiert. Irgendwie hat sie ein Händchen für ihr Instrument. Schon vor einigen

Wochen hatte die Mutter bei mir angefragt, ob Svenja demnächst gut genug für das Schulorchester sei. Aber klar doch! Wenn sie Lust dazu hat.

 

Die vierte Woche in Folge, Svenja verspielt sich ständig bei ihren Repertoire-Stücken. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass etwas nicht stimmt (also mal abgesehen von den falschen Tönen!). 

Nach einem ziemlich misslungenen Lied, was ich schon deutlich besser von ihr gehört habe frage ich: "Svenja, ist alles klar mit dir?"

Svenja: "Doch doch."

Ich: "Spielst du dieses Stück nicht mehr gerne?"

Svenja: "Doch, ist mein Lieblingsstück."

Sie fängt an zu kichern. "Aber wenn ich noch besser werde, steckt meine Mutter mich ins Schulorchester!"



Zeitgenössische Musik für den ehrgeizigen Vater

Ella, eine eigentlich recht faule, aber super nette Schülerin (15) kommt in den Unterricht.

 

Ella: "Ich hätte heute gerne etwas Zeitgenössisches. Wir können auch gerne wieder etwas Komponieren. Nur soll es voll schräg und laut klingen. Und im Hausaufgabenheft soll stehen, dass ich dringend mehr üben muss!"

Ich: "Kläre mich auf, Ella. Was habe ich verpasst?"

Ella: "Ach, ich habe so Stress mit meinem Vater. Immer muss ich für die Schule lernen und wenn er heim kommt, will er 20 Minuten Trompetenmusik hören. Da ist er voll anstrengend. Und da dachte ich, wenn ich etwas richtig übel Schräges und Lautes als Hausaufgabe hätte, könnte ich ihn damit so richtig schön ärgern!"

 

Da bin ich doch dabei! Aus Solidarität aber auch aus musikalischen Gründen!


Fazit für Eltern:

Durchhänger beim Üben oder Durststrecken im (musikalischen) Lernen sind ganz normal. Es geht darum, ihnen mit dem nötigen Fingerspitzengefühl zu begegnen. Pauschale Rezepte oder Tipps sind hier fehl am Platz, weil jedes Kind anders ist und jede Situation so viele Komponenten hat, dass man individuell abwägen muss, was am besten passt. 

 

Grundsätzlich haben Eltern folgende Möglichkeiten, von denen ich niemals zu einer Extremvariante raten würde, sondern zu Mischformen. Ganz wichtig: Kein blinder Aktionismus, sondern immer die nötige Portion Gelassenheit oder "Coolness" im Gepäck haben! 

 

1. AKZEPTANZ UND GEDULD

Eltern akzeptieren die Durchhänger und warten ab, ob sich die Situation auch ohne eigenes Zutun verändert. Diese Variante erfordert viel Kraft, die eigenen Erwartungen an das Kind zurückzustellen.

 

2. VERSTÄNDNIS UND HILFE ZUR SELBSTHILFE

Eltern sprechen offen mit dem Kind: Verständnis zeigen für einen Durchhänger, gemeinsam Strategien erarbeiten für regelmäßiges, lustvolles Musizieren (Tipps hierzu siehe Ratgeber "Jedes Kind ist musikalisch")

 

3. POLIZEI-STRATEGIE

Einführung von Übe-Regeln (regelmäßige Übezeit- und -dauer verabreden, evtl. Bonustag an dem nicht geübt wird).

 

4. DIE MÖHRE VOR DER NASE

Für besondere Leistung (die Erarbeitung eines bestimmten Stücks, Teilnahme an einem Schülerkonzert, regelmäßiges und freiwilliges Musizieren) gibt es eine besondere Belohnung. Diese Variante nur absolut sparsam einsetzen, da Kinder es schnell raus haben, nur noch für materielle Belohnung etwas zu tun. Zudem (und das ist der viel wichtigere Punkt) treiben Eltern so ungewollt den Kindern die eigene Motivation aus!

 

5. GESPRÄCH MIT DER LEHRKRAFT SUCHEN

Häufig ist es für Lehrkräfte wertvoll zu wissen, wenn sich eine dauerhafte Übe-Unlust einstellt. Sie können dann gegebenenfalls den eigenen Unterricht anpassen (anderen Weg wählen, andere Stücke, Hausaufgaben auf andere Art stellen, andere Unterrichtsform wie Gruppen- oder Ensembleunterricht...).

Generell gestaltet eine Lehrkraft ihren Unterricht aber niemals grundlos und absichtlich so, dass einem Kind die Lust vergeht. Daher sollte man darauf verzichten, beim kleinsten Problem (z.B. ein bis zwei Wochen Unlust) sofort Kontakt mit der Lehrkraft aufzunehmen. Man kann nämlich auch Musiklehrer verunsichern. Und mit einem nur auf Highlights ausgerichtetem "Lehrplan light und lustig", der alle Hindernisse umschifft, wird das Kind nur die absoluten Basics auf dem Instrument erlernen. 

 

Als Eltern sollte man sich immer fragen, wie sie selbst als Kind gerne in einer solchen Situation behandelt worden wäre. Falsch wäre es sicher, sofort die "Flinte ins Korn" zu werfen und den Musikunterricht zu kündigen:

 

Lernen ist wie eine Reise: Es gibt ein einen Weg und ein Ziel, doch häufig entstehen in Staus, Pausen oder auf Umwegen die Momente, an die man sich später am liebsten erinnert. 

 

Zum Thema Motivationen im Instrumentalunterricht ein anderes Mal mehr auf diesem Blog! Freut euch schon heute auf meinen Beitrag "Ein Lob den Übeverweigerern!".

 

Kristin Thielemann

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