10 Gründe für Musikunterricht

Das neue Jahr steckt voller guter Vorsätze: Mehr Sport, gesündere Ernährung, viel mehr mit den Kindern beschäftigen - meine Freundinnen hatten einige Punkte auf ihren Listen, die sich überschnitten und die auch ich am Silvesterabend auf meinem eigenen Zettel wiederfand. 

 

Aber wie soll man überall besser werden, ohne an irgendeiner Stelle die Zügel schleifen zu lassen? Zumindest in Sachen "viel mehr mit Kindern beschäftigen" konnte ich (bereits in gehöriger Sektlaune) bei der Silvesterparty meinen Senf dazu geben: "Wie wäre es denn mit Instrumentalunterricht für eure Kids?", fragte ich mutig in die Runde. Eine nicht mehr ganz nüchterne flüchtige Bekannte sprach aus, was alle dachten: "Warum?"

 

"Ja, warum eigentlich? Beschäftigungstherapie, der Versuch aus meinem kleinen Spielkonsolen-Junkie einen zweiten Mozart zu züchten?" 

 

Hier meine Antwort, die ich während der Party natürlich nicht gab, weil der allgemeine Geräuschpegel hoch und das Interesse an wirklichen Informationen niedrig war. 

 

10 GRÜNDE FÜR MUSIKUNTERRICHT

 

  • "Man müsste Klavier spielen können!" Wozu? Um als kleiner Herzensbrecher später die Frauenwelt zu beeindrucken!? Nein, was an guten Klavierspielern (und -spielerinnen) so fasziniert, ist, wie tief sie in die Musik eintauchen können, wie konzentriert sie sind, wenn sie in ihre eigene Welt abtauchen und wie glücklich uns ihr Spiel macht. Wie glücklich muss der Klavierspieler erst sein?! Sehr!
  • Resilienz, also die Fähigkeit wie ein Mensch seine Krisen meistern kann und sein Selbstwertgefühl bewahrt, lässt sich beim Musizieren quasi nebenbei erlernen. Wer zehn Mal an der gleichen Stelle stolpert und sich selbst den Lösungsweg sucht, wer aus einer anfangs holprig gespielten Reihe von Tönen irgendwann ein berührendes Musikstück machen kann, weiß, dass er Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben kann! Dieses Erfahrung kann ein Kind auch auf andere Lebens- und Lernbereiche übertragen. 
  • Musizieren hat viele positive Nebeneffekte, beispielsweise auf die Sprachkompetenz, die Konzentrationsfähigkeit, das Sozialverhalten, auf Emotionen und Empathie, das mathematische Verständnis, sowie die Kreativität und Problemlösekompetenz. Wer sich hierzu im Detail schlau machen möchte, dem sei der Ratgeber "Jedes Kind ist musikalisch" empfohlen. Dieser sollte ohnehin in keinem Familienhaushalt fehlen!

 

  • Mit dem Instrumentalspiel erlernen Kinder ein Handwerk, welches zugleich eine Kunst ist. So eine hochkomplexe Sache kann nur zufriedenstellend beherrscht werden, wenn bereits im Kindesalter damit begonnen wurde! Die Erfahrung "Ich kann etwas ganz Besonderes!" wirkt sich enorm positiv auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes aus! Und nicht zuletzt ist es eine wichtige Erfahrung für das spätere Berufsleben, wenn Kinder erfahren, dass sie eine Leistung (z.B. das Spiel eines Musikstückes) auf den Punkt bringen können und damit vor Publikum (und seien es erstmal nur die Eltern und der Musiklehrer) bestehen.
  • Krise in der Schule? Ärger mit den Eltern? Beim Spielen eines Instruments lässt sich in die eigene Gefühlswelt abtauen. Dort können Kinder Dinge verarbeiten und wieder zu sich finden, mit Musik ihre Wut ausleben, mit Trauer umgehen, wieder fröhlich werden.
  • Kinder, die regelmäßig mit Musik in Kontakt kommen, können differenzierter hören. Untersuchungen haben gezeigt, dass Erwachsene, die in ihrer Kindheit über einen längeren Zeitraum ein Musikinstrument gespielt haben, eine bessere Hörfähigkeit zeigten und in der Lage waren, Nebengeräusche auszublenden, um sich auf Wichtiges zu konzentrieren. 
  • Einen Freundeskreis außerhalb der Schulklasse zu haben, ist dann wichtig, wenn Kinder gemobbt werden oder sich aus anderen Gründen in ihrer Klassengemeinschaft nicht wohl fühlen. Beim Musizieren in einer Gruppe können sie sich einen weiteren Freundeskreis aufbauen, mit dem sie eine wichtige Gemeinsamkeit teilen: Die Fähigkeit ein Musikinstrument zu spielen. In Ensembles oder Orchestern geschlossene Freundschaften sind häufig besonders intensiv, weil diese Kinder mit dem Erlernen der Musikstücke gemeinsam eine große Entwicklung durchgemacht haben und vielleicht auch schon so manches Konzert gut über die Bühne gebracht haben. Das schafft die Basis für intensive und glückliche Freundschaften. 
  • In der Musik gibt es so viel zu entdecken, dass jeder auf seine Kosten kommt. Ob nun das Interesse an einen bestimmten Musikstil ist oder die Lust auf Musikgeschichte. Die Welt der Musik ist für Kinder heute so bunt und vielfältig aufbereitet, dass es leicht fällt, ihnen vielfältige und spannende Impulse zu geben. Stöbern Sie doch einmal in den Buch- und CD-tipps von KIND UND MUSIK.
  • Musizieren macht Spaß! Die Lust auf Klänge und Töne, auf das Können und Beherrschen eines Instruments spornt zu Höchstleistungen an. Kinder wachsen beim Musizieren oft über sich hinaus. Und das Heranwagen an den neuen Ton, die schwere Stelle oder das neue Stück bringt ein enormes Glücksgefühl mit sich, wenn die Herausforderung nach einem Üben gelingt!
  • Beim Musizieren ist die Persönlichkeit des Kindes gefragt. Hier kann es seine Phantasie und Kreativität umsetzen und die Klänge ausleben, die es in sich spürt. Nur was gefragt ist, kann sich auch weiterentwickeln! In der heutigen Gesellschaft, wo Kreativität und Phantasie unsere wichtigsten Rohstoffe sind, ist Musizieren also ein enormer Schatz!

Musizieren tut der Seele gut! Oder - um Platon zu bemühen: "Musik ist ein moralisches Gesetz. Sie schenkt unseren Herzen eine Seele, verleiht den Gedanken Flügel und lässt die Phantasie erblühen!".

 

Nachdem ich mir am Silvesterabend all diese schönen Worte gespart habe und stattdessen noch ein wenig tiefer ins Sektglas geschaut habe, ist es nun mein guter Vorsatz, meinen Freundinnen den Link zu diesen zehn Gründen für Musikunterricht zu schicken. Denn ich wünsche ihnen glückliche und zufriedene Kinder. 

 

Euch, den Leserinnen und Lesern von KIND UND MUSIK, wünsche ich das natürlich auch: Habt ein grandioses Jahr 2018! Lacht, freut Euch, seid kreativ, singt und genießt das Leben!

 

Kristin Thielemann, 

Musikpädagogin  / Autorin von "Jedes Kind ist musikalisch", erschienen bei Schott Music, Mainz

 

 

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Kommentare: 18
  • #1

    Evi Reich (Mittwoch, 10 Januar 2018 14:33)

    Was für ein großartiger Neujahrsvorsatz!! Ganz wunderbar geschrieben!! �����

  • #2

    Antonia35 (Mittwoch, 10 Januar 2018 18:50)

    Dem ist nichts hinzuzufügen! Genial diese Seite!

  • #3

    Philipp Motz (Donnerstag, 11 Januar 2018 18:15)

    Dieser Text sollte Pflichtlektüre für alle Eltern sein! Ist bereits ausgedruckt und hängt in unserer Musikschule aus!

  • #4

    Martina G (Donnerstag, 11 Januar 2018 18:46)

    Wenn nur der Lehrer meiner Kleinen mal ein Auge zudrücken würde beim üben. Das ist so mühsam und sie verliert voll den Spaß dran. Ich probiere jetzt mal die Übetipps von dem Blog hier aus. Weil ich merke schon sie profitiert vom Klavier spielen lernen.

  • #5

    NoRaLi (Donnerstag, 11 Januar 2018 21:37)

    Liebe Frau Tielemann. Besonders der Abschnitt über Resilienz klingt spannend und ist ein völlig neuer Aspekt über den ich gerne mehr wüsste. Vielleicht in ihrem nächsten Workshop bei uns an der Musikschule?! Ich melde mich per Mail. Beste Grüße von der anderen Seeseite. Ihre Nora Linde

  • #6

    Marga K. (Samstag, 13 Januar 2018 09:58)

    Welch ein wundervoller Beitrag! Diese Erfahrungen kann ich aus meinem eigenen Leben bestätigen. Bin 61 Jahre alt und spiele seit 55 Jahren Akkordeon und Klavier. Meine bedeutendsten Erfahrungen: ich beherrsche etwas Außergewöhnliches, ich kann etwas erreichen mit Üben und Ausdauer, ich kann mir selbst und anderen viel Freude beteiten, und das Gefühl der Gemeinschaft.
    Vielen herzlichen Dank für den Beitrag und möge er viele Eltern dazu ermutigen, ihren Kindern die Möglichkeit zum Musizieren zu geben.

  • #7

    Mark Peters (Samstag, 13 Januar 2018 21:50)

    Da werde ich gerne selbst zum Kind...

  • #8

    PaulaPianoTeacher (Sonntag, 14 Januar 2018 08:54)

    Genau so ist es! Sollten alle Eltern lesen!

  • #9

    Nana (Montag, 15 Januar 2018 12:14)

    Kaum ein Mensch, den ich kenne, der*die als Kind Musikunterricht gehabt hat, führt das jetzt so mit Freuden weiter, dass es ihn*sie im Erwachsenenleben stärkt. Dafür kenne ich einige, die als Kind keinen Musikunterricht bekamen, für die Musik ein zentrales Element im Leben ist.
    Statt jedem Kind Musikunterricht zu "verordnen", wo es dann wieder um Hausaufgaben, richtig, falsch und "muss" geht (das ist es doch meistens, wenn auch manchmal nett verpackt), wäre es doch besser vom Kind auszugehen. Also nicht primär Musikunterricht, sondern Kontakt mit Musik ermöglichen und schauen, ob das interessant für das Kind ist. Und dann den Wünschen des Kindes entsprechen. Ärger mit den Eltern wird man kaum am Instrument auslassen können, wenn die Eltern einen drängen, mehr zu spielen. Aber leider läuft es so oft darauf hinaus - man will ja das beste für's Kind.

  • #10

    Stefan der Klavierlehrer (Dienstag, 16 Januar 2018 11:35)

    @Nana

    Es ist wirklich schade für dich, wenn du in deiner Jugend keine Freude am Musikunterricht vermittelt bekommen hast.

    Kleine Notiz am Rande: In der Instrumentalpädagogik hat sich viel verändert. Nicht mehr allein die Leistung, sondern die Musizierfreude steht heute im Fokus!

    Was hier beschrieben wird können meine Fachschaftskollegen und ich zu hundert Prozent unterschreiben.

    Einen schönen Gruß aus Köln!

  • #11

    Gerd Bähnk (Mittwoch, 17 Januar 2018 13:07)

    Lieber Stefan, das ist leider noch nicht bei allen Musiklehrern angekommen.
    Meiner Tochter hat ihr Geigenlehrer die Freude gründlich verdorben, weil er ihr in jeder Stunde vermittelte, dass sie viel mehr “leisten“ könne als sie ihm zeige.

  • #12

    Susanne Weißhaupt (Mittwoch, 17 Januar 2018 15:03)

    Lieber Gerd,
    es ist nicht einfach den richtigen Lehrer fürs Kind zu finden. Seine Philosophie des Lernens und auch die Chemie zwischen Kind und Lehrer müssen stimmen.
    Mir haben die Tips aus „Jedes Kind ist musikalisch“ sehr bei der Suche geholfen. Meine Tochter spielt jetzt mit Freude Gitarre.
    Versucht doch mal einen Lehrerwechsel.

  • #13

    Ulrich Stern (Mittwoch, 17 Januar 2018 18:51)

    Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Ich habe selber als Kind und Jugendlicher die leidvolle Erfahrung recht konservativen Musikunterrichts (Stichwort: "Leistung" statt "Spaß") machen müssen, habe aber trotzdem auch positive Erfahrungen machen dürfen, die sich später ausgezahlt haben, als ich nämlich endlich auf eigene Faust Musik gemacht habe.
    Ja, Üben ist manchmal doof, aber wenn man dann endlich die Melodie, die erst nur im Kopf war, auch auf die Finger übertragen gelernt hat, und es dann so wie vorgestellt klingt, ist das Glücksgefühl schon toll!
    Und ja: die heutige Musikpädagogik ist anders.
    Auch ich versuche in meinen Musik-Kursen zu allererst Spaß am Musizieren, an der Musik zu vermitteln.
    Die Musik findet ihren Weg.

  • #14

    Matern , Karin (Mittwoch, 17 Januar 2018 20:26)

    Ja, jeder sollte sich mehr um Musik kümmern, es ist so befreiend!

  • #15

    Felix Kirchmann (Montag, 29 Januar 2018 14:18)

    Der Bericht bringt es auf den Punkt! Ausgedruckt, kopiert und in allen Kindergärten meines Bereichs ausgehängt. Ihr Buch wurde ebenfalls schon auf unseren Elternabenden empfohlen. Danke für ihr Engagement, Frau Thielemann. Es ist schön wenn Menschen sich um die Weitergabe des Kulturguts Musik kümmern, die gleichzeitig die schönste Freizeitbeschäftigung überhaupt ist!

  • #16

    Brigitte Sondermann (Freitag, 02 Februar 2018 16:21)

    So ist es! Fantastisch geschrieben. Bin über den Verband Niedersächsicher Musikschulen auf diesen Beitrag aufmerksam geworden. Menschen wie Sie sind unser Vorreiter in Sachen „Musik für alle Kinder und für jeden der Lust hat“.

    Ich hoffe Sie kommen einmal für einen Vortrag zu uns in den Norden!

    Einen lieben Gruß aus Niedersachsen,
    Brigitte Sondermann

  • #17

    Heinz Erschens (Donnerstag, 01 März 2018 11:06)

    Der große chinesiche Denker und Philosoph Konfutius sagte: " Die Pflege der Musik ist die Ausbildung der inneren Harmonie."

  • #18

    Hans-Dieter Karsch (Donnerstag, 09 August 2018 22:34)

    Sie sprechen mir aus der Seele. Deshalb haben wir in Ludwigsburg die "Ludwigsburger Musikimpulse" umgesetzt.