Lernen auf der Überholspur

Kaum hat das Kind mit dem Instrumentalunterricht begonnen, wird es ein Thema: das häusliche Üben. Da werden Eltern und Musiklehrer schnell zu einer Mischung aus Musik-Animateur oder Übe-Kontrolleur. Beides sind keine schönen Rollen! Zumindest nicht auf Dauer!

Natürlich haben wir Musiklehrer unsere Tricks und Tipps (in der Fachsprache Didaktik genannt), wie wir Max, Tim und Sophie (und alle anderen) dazu bewegen können, sich daheim mit Klavier, Geige oder Blockflöte, mit Mozart, Hänschen Klein oder Tonleitern zu beschäftigen, aber auf lange Sicht ist das nicht die Lösung!

 

ELTERNVERHALTEN ALS SCHLÜSSEL

Auch die Eltern können ein großes Stück dazu beitragen, dass die erwähnten Kinder (aber natürlich auch alle anderen) gute Fortschritte auf ihrem Instrument erzielen. Das Schlüsselwort beim Lernen (egal ob Musik, Sprachen, Mathematik oder irgendetwas anderes) ist ohnehin REGELMÄSSIGKEIT IM TUN. Stellt euch vor, euer Kind soll schreiben lernen: Jeden Tag gibt der Lehrer / die Lehrerin in der Schule hierzu eine Fülle von Anregungen und Übungen - meist sogar noch Hausaufgaben. Hier findet also beinahe tägliches Tun unter Anleitung einer Fachperson statt. Daheim wird ein wenig ergänzt, die Eltern interessieren sich, das Kind hat im besten Fall Erfolgserlebnisse, alle zeigen ein wenig Durchhaltevermögen und irgendwann kann es dann schreiben. Super!

 

Auf den Musikunterricht übertragen, zeigt sich hier schnell die Problematik, denn bei einem Instrument hat man es mit etwas deutlich Komplexerem als "nur" dem Erlernen des Schreibens zu tun: Instrumentaltechnik und musikalische Grundlagen erschließen sich einfach nicht im Vorbeigehen. Das Kind erhält aber nur eine Unterrichtsstunde von 30 Minuten (Vielleicht ist es etwas mehr, wenn es Gruppenunterricht hat oder es kommt noch eine Ensemblestunde hinzu).

 

Hier steht also eine 30-Minuten-Musiklehrkraft einer 4-Mal-45-Minuten-Deutschlehrkraft gegenüber. Merkt Ihr etwas?! Hier kommen sowohl das Umfeld (meist also die Eltern, evtl. die Geschwister oder Freunde) als auch das eigene Tun des Kindes ins Spiel. 

 

MOTIVATION WIEDERFINDEN

Keine Musiklehrkraft erwartet, dass ihre Schülerinnen und Schüler top motiviert sind, täglich üben und Mutti oder Vati das Üben kontrolliert, begleitet oder gar kommentiert. Das sicher nicht! Aber mit einigen wenigen Tricks wird euer Kind schneller lernen, besser vorankommen und dadurch in seinem musikalischen Tun bestärkt. Am Ende nennt sich dieser Zustand des Kindes Motivation. Da wollen wir hin! Dann läuft es wie von selbst, wie am Schnürchen sozusagen und die Musiklehrkraft kann sich auf musikalisch-kreative Inputs konzentrieren - dort liegt übrigens auch die Stärke des meisten Instrumentallehrer!

 

DIE FALSCHE MAGIE DER ÜBERHOLSPUR

Und wie kommen die Kids jetzt rein lerntechnisch-musikalisch gesehen auf diese Überholspur? Erstmal: Entspannt Euch, liebe Eltern! Das Erwachsenenleben versucht uns an jeder Ecke einzureden, dass die Überholspur die einzig richtige ist. Das ist für den Mensch aber enorm stressig, wenn nicht sogar auf Dauer gefährlich! Und ob man durch die Überholspur schneller, besser und glücklicher wird!?

 

Sicher seid Ihr schon mal eine längere Strecke auf einer Autobahn gefahren. Mein Weg ist häufiger die A7 - beinahe vom einen Ende bis zum anderen, ungefähr neun Stunden lang. Natürlich kann ich mir die Höchstgeschwindigkeit "verordnen", wo immer möglich mit Lichthupe auf der linken Spur unterwegs sein, jeden Stau, den mein Navi meldet, akribisch und vor allem schnellstmöglich umfahren. So schaffe ich diese in etwa neunstündige Strecke auch schon mal in achteinhalb Stunden (oder noch zehn Minuten schneller, wenn wir im Auto essen!). Aber so komme ich unglaublich in Stress! Und meine Mitfahrer erstmal! Diese sind derzeit fünf und neun Jahre alt. Was denkt Ihr, genießen sie wohl am meisten auf dieser Fahrt? Richtig: Wenn wir die Pause für einen Besuch im Legoland nutzen, in der Lüneburger Heide abfahren, weil es dort eine geniale Eisdiele gibt und wenn sie auf der Fahrt aus ihrem Leben erzählen können, respektive sie die Geschichten von Mama oder dem Bruder anhören dürfen, wird diese Fahrt für sie etwas Besonderes.

Klingt entschleunigt!? Ist es auch. Meistens brauche ich auf diese Weise zwar doppelt so lange für die Fahrt, aber es war schön! An viele dieser Fahrten haben meine Kinder und ich sogar richtig tolle Erinnerungen! 

 

Mit Druck, Stress und Höchstgeschwindigkeit auf der Überholspur wäre das nie und nimmer möglich gewesen! Da fangen meine Kinder an, sich auf der Fahrt zu übergeben, krümeln die Sitze voll, sind übellaunig - genau wie ich, wenn ich in der "gesparten" Zeit das Auto putzen muss! Da habe ich zwar de facto Zeit gespart - aber am falschen Ende! 

 

LERNEN HEISST ZEIT NEHMEN

Übertragen auf das Lernen eines Instruments bedeutet das: Nehmt euch als Eltern die Zeit und gebt sie auch euren Kindern! Bitte keinen Stress, aber auch kein Desinteresse. Die Kids "einfach mal machen lassen" kann auf Dauer zu Stillstand führen. - Wir wären auf diese Weise wahrscheinlich gleich drei Tage lang im Legoland und kämen überhaupt nicht ans Ziel. 

Beim instrumentalen Lernen funktioniert es beispielsweise bei vielen Kindern prima, eine vorgegebene "Instrumenten-Beschäftigungszeit" abzumachen. Die Musiklehrkraft hat hier sicher einen Hinweis für euch, wie lange dies sein kann. Ein sanfter Druck in die richtige Richtung (im Fall unserer Autofahrt zum Legoland-Ausgang!) hat schon vielen Kindern beim Lernen ihres Instruments geholfen. Gewürzt mit den vielen Lerntipps, die Ihr in dem Ratgeber "Jedes Kind ist musikalisch" detailliert beschrieben findet, wird einem erfolgreichen aber vor allem glücklichen Lernen nichts mehr im Weg stehen!


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