Gegen Förderungswahn - für mehr Lernlust!

ENTDECKEN, BEGREIFEN und LERNEN aus eigenem Antrieb. Lernlust sozusagen! Die Eltern und Lehrkräfte als Unterstützer und Lernbegleiter. Das klingt doch zu schön um wahr zu sein? Genau! In den meisten Fällen funktioniert das Leben der Kinder heute nämlich leider nicht (mehr) so! Warum das so ist und wie Musizieren helfen kann, dass Kinder, Eltern und Pädagogen genau diesen Weg für sich zurückgewinnen, wird das große Thema der Pädagogik des nächsten Jahrzehnts sein.

 

Vielen Eltern und Pädagogen ist klar, dass es so wie bisher in vielen Fällen nicht weitergehen kann: Stark strukturierte Lehr- und Stundenpläne, Studien mit denen sich Grundschüler vergleichen lassen müssen und die Lehrkräfte und Eltern gleichermaßen stressen (vom Kindeswohl mal ganz abgesehen). Dazu häufig Belohnungssysteme - die Säulen unserer Leistungsgesellschaft. Juchu! 

Früh-Englisch, Früh-Chinesisch, Schach-Meisterschaft sollen es auch noch sein; Abitur muss auf jeden Fall auch her!  Damit kein Gefühl der Unterforderung aufkommt, bitte besser fünfjährig ab in die erste Klasse!

Bei mir erweckt das immer mehr den Eindruck: Etwas ist Faul in der Auffassung, was und wie Kinder zu lernen haben. 

 

Wobei "zu lernen haben" für mich schon mal einen Widerspruch darstellt. Lernen sollte man dürfen - nicht müssen!

 

SO GEHT ES IN DER MUSIKPÄDAGOGIK

Zum Beispiel wie in der Musik. Kommen Kinder, die bereits die Grundschule besuchen, die ersten Wochen in den Musikunterricht, beobachtet man häufig, dass sie der Stil der Musikpädagogen verwirrt: "Was möchtest du lernen? Welches Stück möchtest du spielen?". Musikpädagogen arbeiten nicht konzeptlos, wie man vielleicht jetzt meinen könnte. Nein, sie bauen eine solide Lernbeziehung auf, aus der heraus sie ihren Unterricht langfristig entwickeln. Denn wir Musikpädagogen haben häufig nur 30 Minuten Zeit pro Woche mit dem Kind, sollen aber eine hochkomplexe Kunstform vermitteln. Dazu muss das Kind selbst wollen. Das funktioniert nur über sehr starke Eigenmotivation (intrinsische Motivation). Also muss das Kind entdeckt haben, was es eigentlich mit seinem Musikinstrument spielen können will!

 

EIN LOBLIED AUF DIE LANGEWEILE

Viele (aber nicht alle) Kinder sind es gewöhnt, dass die Lehrkraft sagt, was der nächste Schritt ist. Binnendifferenzierung in der Schulklasse inklusive - dann bekommt eben jeder seine persönlichen Lerninhalte definiert, es werden Lernmappen angelegt, Kopien bearbeitet. "Herr Lehrer, ich habe meine Aufgabe erledigt!" Bestens! Dann gibt es hier gleich die nächste Aufgabe für dich! Schliesslich wollen Kinder beschäftigt sein. Sinnvoll. Langeweile passt da nicht richtig ins Bild, obwohl genau das die Zeit ist, in der die wirklich kreativen Ideen entstehen. Langeweile ist eine Zeit, wo es Raum gibt, das Erlebte zu verarbeiten. Also für alle Menschen, besonders für die Jüngsten unter uns, sehr gesund, sollte man meinen. Ich hätte wenig Lust, so lernen zu müssen!

 

GENIESSEN LERNEN

Zurück zum Musikunterricht. Da kann man ein Stück spielen, welches man gemeinsam mit der Lehrkraft ausgewählt hat. Was folgt? Das nächste Lied? Nicht unbedingt. Jetzt spielen wir mit dieser Musik. Wie wirkt sie auf uns? Was können wir damit machen? Komm, wir spielen unser Lied einmal dem nächsten Schüler vor, der schon draußen auf dem Gang wartet. Wir können auch mit dem Smartphone eine Aufnahme für deine Eltern machen. Es gibt so viele Möglichkeiten das Können zu nutzen, ohne schon wieder einen neuen Lerninhalt zu geben. Im Musikunterricht ist Raum dafür da, die Kinder das Erlernte geniessen zu lassen.

 

Es ist auch Raum dafür, sich auf die Suche nach seinen eigenen Vorlieben und Interessen zu machen. Welche Musik gefällt mir? Welche nicht? Möchte ich dieses Lied spielen können? Es wird von der Lehrkraft also aktiv gefördert, dass ein Kind in sich hineinhorchen lernt, seine Gefühle und Vorlieben entdeckt und auszudrücken lernt. Eine sehr wichtige Fähigkeit fürs Leben!

 

Natürlich soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass Lehrkräfte an allgemein bildenden Schulen ihr Bestes geben, alles versuchen, Kind, Eltern und Lehrplan gerecht zu werden. Es sind die vielen Lerninhalte, die Kinder sich nicht aussuchen können und trotzdem bewältigen müssen. Das gefällt vielen nicht. Es ist klar, dass kein Weg an einer guten Allgemeinbildung vorbeiführen darf. Aber darf es vielleicht bitte ein wenig entspannter und lustvoller sein?

 

Bitte lasst den Kindern die Zeit, die Welt zu entdecken! Gebt ihnen Raum für ihre Stärken, Vorlieben und Gefühle. Instrumentalunterricht ist eine wunderbare Gelegenheit, das Lernen von einer anderen Seite her kennenzulernen. Es gibt keine Pflichten, sondern nur Rechte. Und Unterstützung. Niemand muss hier Prüfungen oder Wettbewerbe machen, aber jeder darf es. Es ist schön, wenn Kinder etwas vorspielen möchten. Aber es gibt auch die kompletten Vorspielverweigerer. Die spielen leidenschaftlich versunken nur für sich selbst und lassen niemanden an ihrem Musikerleben teilhaben. Können wir als Eltern und Musikpädagogen das aushalten? Das wäre mein großer Wunsch!

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