Legasthenie und ADHS im Musikunterricht - So habe ich das erlebt.

Neulich kam sie zur letzten Unterrichtsstunde. Meine mittlerweile fast 16-jährige Schülerin, die ich beinahe zehn Jahre lang auf ihrem Weg in die Welt der Musik begleiten durfte. Schon Wochen vor dieser letzten Stunde hatten wir beide Tränen in den Augen, wenn wir an diesen Tag dachten, denn so eine lange gemeinsame Zeit schweißt einfach zusammen. 

 

Begonnen hatte sie knapp siebenjährig mit dem Instrumentalunterricht. Wöchentlich kam sie gemeinsam mit ihrer Mutter, denn das Mädchen war ein "besonderer Fall", wie mir die Mutter versicherte. "Alle Kinder sind ein besonderer Fall!", dachte ich mir. Ich freute mich zwar über das Interesse der Mutter, aber war mir sicher, dass dieses bald abebben und die Mutter statt in die Musikstunde wahrscheinlich ins nahegelegene Café gehen würde.

 

Aber da hatte ich mich an allen Stellen verrechnet: Die Schülerin war tatsächlich ein besonderer Fall, weil sie neben ihrem ADHS auch noch eine ausgeprägte Lese-Rechtschreibschwäche hatte. ADHS kann Instrumentalunterricht zu einer Herausforderung machen (hierzu ein anderes Mal mehr) und eine Legasthenie erschwert oft das Noten lernen sehr. Schüler und Lehrer (natürlich auch Schülerin und Lehrerin) brauchen hier Geduld, Muße und sollten mit vielen kleinen Etappenzielen und großen (aber spannenden) Wiederholungseinheiten arbeiten. Der Spaß am Lernen sollte vor allem bei Kindern mit Lernschwierigkeiten keinesfalls zu kurz kommen!

 

Auch die Mutter war ein besonderer Fall, denn nachdem sie einige Stunden kommentierend (und für mich etwas unangenehm) in der Ecke meines Unterrichtsraums gesessen hatte, forderte ich sie auf, ihr eigenes Instrument mitzubringen. Denn glücklicherweise spielte sie das gleiche Instrument wie ihre Tochter. Von nun an kamen die beiden zur gemeinsamen Unterrichtsstunde und machten erstaunliche Fortschritte. Hatte ich das Mädchen anfangs als ein wenig untalentiert eingeschätzt, schaffte sie es, mit ihrem Feuereifer und regelmäßigem Üben das zu kompensieren. 

 

So konnte sie schon bald in einem kleinen Orchester mitspielen und mauserte sich mit viel Fleiß und Ausdauer zu einer Leistungsträgerin des Ensembles. Ein Auftritt ohne sie war nahezu undenkbar! 

 

Zwar schicke ich nicht jeden Schüler auf einen Wettbewerb, aber dieses Mädchen war psychisch recht robust und hatte Spaß daran, sich mit anderen zu messen. In den ersten zwei Jahren landete sie häufiger im unteren Mittelfeld der Preisträger. Danach erzielte sie fast nur noch erste Preise und ihr Selbstbewusstsein wuchs - nicht nur auf dem Instrument sondern auch in der Schule. 

 

Aber zurück zu unserer letzten Unterrichtsstunde. Da sprach meine Schülerin ganz offen über ihre Legasthenie und ihr ADHS. Sie habe unglaublich vom Lernen des Instruments profitiert und immer gespürt, wie sehr ihr die Musik geholfen habe, auch in der Schule gut zu werden. Zwar musste sie die erste Schulklasse wiederholen, aber legte am Ende ihrer Schulzeit den jahrgangsbesten Abschluss hin. "Ich spüre dass die Musik mich klug gemacht hat! Du hast mir dabei geholfen! Mit Geduld, Toleranz, Hartnäckigkeit und Witz!", sprach sie, umarmte mich lange und verschwand ein letztes Mal mit ihrem Instrumentenköfferchen in der Hand aus meinem Unterrichtszimmer. Die Mutter wartete vor der Tür. Sie hatte - genau wie ich - Tränen in den Augen.

 

Ein tolles Mädchen! Ich werde diese Zeit immer in guter Erinnerung behalten!

 

PS. Über ADHS und Musizieren gibt es demnächst einen Praxisbeitrag von mir in der Fachzeitschrift üben&musizieren. Ich werde euch zu entsprechender Zeit verlinken.

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Kommentare: 5
  • #1

    JungenMama2.0 (Mittwoch, 13 September 2017 18:33)

    Danke für diesen schönen Bericht! Es tut so gut zu hören, wie konstruktiv manche Musiklehrer mit Hyperaktivität und anderen speziellen Bedürfnissen umgehen!
    Sie sollten ihre Erfahrung auch im Kollegenkreis berichten und weniger geschickten Lehrern helfen mit diesen Kindern zu arbeiten.
    Dieses Blog ist auf meinem täglichen Blogroll gelandet! Genial!

  • #2

    Adhs-Mama (Mittwoch, 13 September 2017 21:24)

    Man fühlt sich oft so abgestempelt und traut sich mit seinem Kind weder in den Sportverein noch in die Musikschule. Es sollte mehr Pädagogen geben, die so handeln wie du und vor allem so offen und konstruktiv darüber sprechen!

    Sie wissen nicht zufällig einen guten Musikpädagogen in Dortmund für Klavier, der es mit meinem Sohn (11) aufnehmen könnte? Mailadresse als PN über Kontaktformular

  • #3

    Nina Sürrmann (Donnerstag, 14 September 2017 11:25)

    Du sprichst mir aus der Seele mit diesem Bericht!

  • #4

    katzengirl (Donnerstag, 14 September 2017 12:43)

    das ist sicher ein positiver beitrag. macht mut. aber vor allem in der musikschule habe ich mit meinem adhs Kind nur schlechte erfahrungen gemacht. in der schule kennen die lehrer sich mittlerweile aus. aber bei euch an den musikschulen nur die wenigsten. traurig für alle beteiligten. bitte mehr über dieses thema

  • #5

    Sandy (Samstag, 21 Oktober 2017 14:21)

    Super! Danke!!!